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Chirurgie

Die Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie empfiehlt, folgende fünf Interventionen in der Chirurgie zu vermeiden:

1) Führen Sie bei Patienteninnen mit Brustkrebs in Stadium I oder II und klinisch negativem Lymphknotenstatus keine axilläre Dissektion ohne vorgängige Sentinel node-Biopsie durch.

 

Die Sentinel node-Biopsie hat sich für die Festlegung der Ausbreitung des Tumors bei befallenen Achsellymphknoten bewährt und führt nachgewiesenermassen zu geringeren kurz- und langfristigen Nebenwirkungen. Insbesondere sinkt Dank ihr das Risiko eines Lymphödems (dauerhafte Armschwellung) deutlich.
Lassen sich bei der Untersuchung des oder der Sentinel node keine Tumorablager feststellen, so sollten die Achsellymphknoten nicht entfernt werden.
Sind ein oder zwei Sentinel node noch nicht stark von Krebs befallen, wurde die Patientin brusterhaltend operiert und eine Gesamtbrustbestrahlung sowie einer dem Stadium angemessene systemische Chemotherapie geplant, so sollten die Achsellymphknoten nicht entfernt werden.

 

Referenzen
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Giuliano AE, Hunt KK, Ballman KV, Beitsch PD, Whitworth PW, Blumencranz PW, Leitch AM, Saha S, McCall LM, Morrow M. Axillary dissection vs. no axillary dissection in women with invasive breast cancer and sentinel node metastasis: a randomized clinical trial. JAMA. 2011 Feb 9;305(6):569-5.
Ashikaga T, Krag DN, Land SR, Julian TB, Anderson SJ, Brown AM, Skelly JM, Harlow SP, Weaver DL, Mamounas EP, Costantino JP, Wolmark N; National Surgical  Adjuvant Breast, Bowel Project. Morbidity results for the NSABP B-32 trial comparing sentinel lymph node dissection versus axillary dissection. J Surg Oncol. 2010 Aug 1;102(2):111-8.
Giuliano AE, Hawes D, Ballman KV, Whitworth PW, Blumencranz PW, Reintgen DS, Morrow M, Leitch AM, Hunt KK, McCall LM, Abati A, Cote R. Association of occult metastases in sentinel lymph nodes and bone marrow with survival among women with early-stage invasive breast cancer. JAMA. 2011 Jun 27;306(4):385-93.
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2) Vermeiden Sie diagnostische «Ganzkörper»-Computertomografien (CT) bei Patienten mit geringfügigem oder Einzeltrauma.

 

Ein übermässiger Einsatz von «Ganzkörper»-CTs verbessert zwar die Früherkennung von Verletzungen und kann sich gar positiv auf die Überlebensrate bei Patienten mit Mehrfachverletzungen auswirken. Dennoch gilt es bei diesen Untersuchungen auch die Strahlenexposition sowie die dadurch verbundenen Kosten zu berücksichtigen – insbesondere bei Patienten mit Traumata mit geringer Gewalteinwirkung und bei Untersuchungsbefunden, die schwere Verletzungen nicht bestätigen können.

 

Referenzen:

Huber-Wagner S, Lefering R, Qvick LM, Körner M, Kay MV, Pfeifer KJ, Reiser M, Mutschler W, Kanz KG; Working Group on Polytrauma of the German Trauma Society. Effect of whole-body CT during trauma resuscitation on survival: a retrospective, multicentre study. Lancet. 2009 Apr 25;373(9673):1455-61.

Stengel D, Ottersbach C, Matthes G, Weigeldt M, Grundei S, Rademacher G, Tittel A, Mutze S, Ekkernkamp A, Frank M, Schmucker U, Seifert J. Accuracy of single-pass whole-body computed tomography for detection of injuries in patients with blunt major trauma. CMAJ. 2012 May 15;184(8):869-76.

Ahmadinia K, Smucker JB, Nash CL, Vallier HA. Radiation exposure has increased in trauma patients over time. J Trauma. 2012 Feb;72(2):410-5.

Winslow JE, Hinshaw JW, Hughes MJ, Williams RC, Bozeman WP. Quantitative assessment of diagnostic radiation doses in adult blunt trauma patients. Ann Emerg Med. 2008 Aug;52(2):93-7.

3) Vermeiden Sie Darmkrebs-Früherkennungstests bei asymptomatischen Patienten, die eine Lebenserwartung von weniger als zehn Jahren und keine familiäre oder persönliche Vorbelastung hinsichtlich kolorektaler Neoplasie aufweisen.


Die Darmkrebsvorsorge führt nachweislich zu einer Senkung der Sterblichkeit bei dieser häufig auftretenden Erkrankung. Die Darmspiegelung ermöglicht die Erkennung und Entfernung adenomatöser Polypen, einer Vorläuferläsion vieler Krebsarten.
Dies verringert die Inzidenzrate der Krankheit im späteren Leben. Übersteigen die Risiken jedoch den Nutzen, so ist diese Art des Screenings und der Überwachung ungeeignet.
Die mit einer Darmspiegelung verbundenen Risiken nehmen mit dem Alter und der wachsenden Anzahl Begleiterkrankungen zu.

Das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Darmkrebsfrüherkennung oder -überwachung sollte basierend auf früheren Vorsorgeuntersuchungen, der familiären Vorbelastung, dem voraussichtlichen Interventionsrisiko, der Lebenserwartung und der Präferenz des Patienten für jeden Fall einzeln eruiert werden.

 

Referenzen:

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4) Vermeiden Sie eine Eintritts- oder präoperative Röntgenuntersuchung bei ambulanten bereits untersuchten Patienten mit unauffälliger Vorgeschichte.

 

Ein routinemässiger Röntgenthorax bei der Aufnahme oder vor der Operation ist bei ambulanten Patienten ohne spezifische Hinweise in der Vorgeschichte und/oder in den Untersuchungsbefunden nicht angezeigt. Lediglich zwei Prozent solcher Röntgenaufnahmen führen zu einer Behandlungsänderung.Das Erstellen einer Röntgenthoraxaufnahme ist vertretbar, wenn ein Verdacht auf eine akute kardiopulmonale Erkrankung vorliegt oder im Fall von bekannten stabilen kardiopulmonaren Erkrankungen bei Patienten über 70, bei denen innerhalb der letzten sechs Monate kein Röntgenthorax erstellt wurde.

 

Referenzen:

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Gomez-Gil E, Trilla A, Corbella B, Fernández-Egea E, Luburich P, de Pablo J, Ferrer Raldúa J, Valdés M. Lack of clinical relevance of routine chest radiography in acute psychiatric admissions. Gen Hosp Psychiatry. 2002;24(2):110-3.
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Grier DJ, Watson LF, Harnell GG, Wilde P. Are routine chest radiographs prior to angiography of any value? Clin Radiol. 1993;48(2):131-3.
Gupta SD, Gibbins FJ, Sen I. Routine chest radiography in the elderly. Age Ageing. 1985;14(1):11-4.
Amorosa JK, Bramwit MP, Mohammed TL, Reddy GP, Brown K, Dyer DS, Ginsburg ME, Heitkamp DE, Jeudy J, Kirsch J, MacMahon H, Ravenel JG, Saleh AG, Shah RD, Expert Panel on Thoracic Imaging. ACR Appropriateness Criteria® routine chest radiographs in ICU patients. [Internet]. Reston (VA): American College of Radiology (ACR); 2011. 6 p.

5) Führen Sie zur Abklärung einer vermuteten Blinddarmentzündung bei Kindern keine Computertomografie (CT) durch, ohne zunächst eine Ultraschalluntersuchung zu erwägen.

 

Obwohl eine CT zur Abklärung einer vermuteten Blinddarmentzündung bei pädiatrischen Patienten richtig ist, wird bei Kindern dennoch der Ultraschall als bildgebendes Verfahren bevorzugt.

Bei nicht eindeutigen Ultraschallergebnissen kann eine CT folgen. Dieser Ansatz ist kosteneffizient, senkt mögliche Strahlenrisiken und bietet eine hervorragende Diagnosegenauigkeit.

Bei erfahrenen Untersuchern liegen Sensitivität und Spezifität aktuell bei 94 Prozent. Da sich das Fachwissen unterscheiden kann, sind Strategien wie die verbesserte Diagnosekompetenz bei gemeindebasierten Ultraschallangeboten und die Entwicklung evidenzbasierter klinischer Entscheidungsregeln realistische Ziele auf dem Weg zu besseren Diagnosen ohne CT-Scans.

 

Referenzen:

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Rosen MP, Ding A, Blake MA, Baker ME, Cash BD, Fidler JL, Grant TH, Greene FL, Jones B, Katz DS, Lalani T, Miller FH, Small WC, Spottswood S, Sudakoff GS, Tulchinsky M, Warshauer DM, Yee J, Coley BD, Expert Panel on Gastrointestinal Imaging. ACR Appropriateness Criteria® right lower quadrant pain – suspected appendicitis.
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Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie (SGC)

www.sgc-ssc.ch

Zur Entstehung dieser Liste

 

Das American College of Surgeons (ACS) bat die Commission on Cancer, das Committee on Trauma sowie die Advisory Councils for Colon and Rectal Surgery, General Surgery and Pediatric Surgery um Empfehlungen im Zusammenhang mit der Choosing-Wisely®-Kampagne von ABIM. Die verschiedenen Gremien erhielten eine Beschreibung der Kampagnenziele sowie einen Link zur Website von Choosing Wisely®.


Darüber hinaus wurden veröffentlichte Empfehlungen von Einrichtungen, die sich bereits an der Kampagne beteiligen, in Gesprächen referenziert und geprüft. Sämtliche Empfehlungen des ACS wurden geprüft und schliesslich fünf Themen ausgewählt.

 

Die Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie hat die vom American College of Surgeons publizierte «Choosing Wisely»-Liste geprüft und sie auch für die Schweiz für vollumfänglich anwendbar und vernünftig befunden.